The Eye Of Time - s/t
Das äußert schmucke Digipack mit dem dezenten Aufdruck „The Eye Of Time“, das mir da auf den Tisch geflattert ist, beinhaltet in Form zweier CDs die komplette Diskographie eben dieser Band. Eigentlich handelt es sich dabei aber gar nicht um eine Band, sondern um das Soloprojekt von Marc Euvrie, der normalerweise als einer der Protagonisten des französischen Metal-Duos Karysun fungiert. Allerdings hat sein Schaffen als Alleinunterhalter mit Metal rein gar nichts zu tun. Für die Musik, die er seit dem Jahr 2004 im stillen Kämmerlein zusammenfummelt, wählt er einen ganz anderen Ansatz, einen der gänzlich auf Gesang verzichtet, ebenso wie auf strukturierte Songaufbauten, dafür aber mit allerlei untypischen Arrangements Experimente treibt. Hierbei geht es Herrn Euvrie definitiv nicht um das Erschaffen eingängiger Hitsongs, sondern um die Reflektion dessen, was aus seiner Umwelt auf ihn einströmt und die Vertonung dieser Einflüsse. Seine Herangehensweise ist eine sehr minimalistische, denn oftmals werden schlichte Streicherparts von zerhexselten Elektrobeats begleitet, hier und da ein paar Hintergrundgeräusche beigemischt, und fertig ist der Song. Oberflächlich betrachtet könnte man so das Schaffen des Franzosen zusammenfassen. Wer sich aber auch nur ein wenig tiefer in die insgesamt zwanzig Stücke dieses Doppelalbums hineinhört, wird schnell feststellen, dass es hier um wesentlich mehr geht. Allein was im Intro und Outro der ersten CD „After Us“ stattfindet, wäre einer eigenen Besprechung würdig, denn hier wurde eine Chopin-Melodie („Marche Funebre“) verarbeitet und in eine monolithisch-apokalyptische Vision verwandelt. Ein perfekter Einsteiger in 115 Minuten, anspruchsvolle, teilweise sehr irritierende Musik, in der im Prinzip nicht viel passiert, und doch genug, um den Hörer in das düstere, hoffnungslose und mitunter sehr abgründige Universum des Marc Euvrie eintauchen zu lassen und ihn dort auf Dauer zu bannen. Über mehrere Seiten hinweg könnte ich nun beschreiben, wie ungewöhnlich und gleichzeitig toll es klingt, wenn vor Tristesse triefende Cello-Töne auf vertrackte E-Beats treffen, von Samples aus dem Alltagsleben untermalt werden und sich mit verstörenden Akkorden eines entrückten Pianos mischen. Allerdings wäre das ziemlich sinnfrei, denn wahrscheinlich muss man diese Soundlandschaften selbst hören, um zu wissen, wovon ich spreche. „The Eye Of Time“ will Kunst sein und ist es zweifellos auch. Gerade deshalb wird das Gehörte sicherlich auf jeden anders wirken und individuell andere Emotionen hervorrufen. Ich für meinen Teil finde zumindest den gewählten Ansatz sehr interessant und kann mich auch über weite Strecken für dieses Album begeistern, allerdings sind auch immer wieder Kompositionen mit an Bord, insbesondere auf der zweiten CD „Jail / Lily On The Valley“, die mir – zumeist aufgrund ihres eigenwilligen Arrangements – überhaupt nicht zusagen. Für Freunde unorthodoxer Ambient-Konstrukte und musikalischer Experimente sowie allen Kopfkinofans kann ich dieses Doppelalbum aber nur wärmstens empfehlen. Ganz besonders Leute, die immer noch CDs oder Vinyl sammeln, dürften an dieser Veröffentlichung Gefallen finden, denn die Gestaltung des schweren Kartonpakets ist herausragend, nicht zuletzt da zu jedem Stück ein entsprechendes Bild im Booklet zu finden ist, welches die jeweilige Stimmung veranschaulicht. So ist eben Kunst... (cj)




