Toundra - II
Soundlandschaften, instrumental erzählte Geschichten, Kopfkino, leicht vertrackte Rhythmen, kein Gesang – ohne weiteres könnte man die spanischen Toundra nach dem ersten Kontakt in die 08/15-Post-Rock-Ecke abschieben. Allerdings fällt beim genaueren Hinhören so einiges auf, das ein etwas differenzierteres Bild zeichnet. Auf ihrem zweiten Album, das den nicht unbedingt vielsagenden Titel „II“ trägt, vollziehen die vier Iberer eine musikalische Reise in teils heimatliche, teils sehr weit entfernte Gefilde und bedienen sich dabei der jeweiligen Ethnologie und Kultur. Neben spanischer Folklore und anderen südländischen Beigaben kommen dabei auch orientalische Einflüsse zum Zug. Toundra verstehen es meisterlich, den Hörer in fremde Welten zu entführen, ohne auf Worte oder andere Banalitäten zurückgreifen zu müssen. Gleich zu Beginn lädt „Tchod“ mit seiner stilsicher gezupften Sitar zu einem Kurztrip nach Indien ein, bevor das elfminütige „Magreb“ das Tor zu verträumten Sphären und entrückten Paralleluniversen ganz weit aufstößt. Hier beweist das Quartett, dass sie den Umgang mit vielschichtigen Soundscapes und das Erzeugen unterschiedlichster Emotionen perfekt beherrschen. Wow, was für ein Song. Allerdings wartet man im Folgenden auf ähnlich ergreifende Momente und wird von „Zanzibar“ und „Völand“ leider etwas enttäuscht. Erst mit dem wild galoppierenden zweiten Teil von „Danubio / Danube“ sowie dem hitverdächtigen „Koschei“ können Toundra wieder die volle Punktzahl absahnen. Das abschließende „Byzancio / Byzantium“ ist ähnlich angelegt wie das übermächtige „Magreb“, kann aber trotz sehr guten Songwritings keine solchen Gefühlswogen entfachen. Zusammengefasst liefern Toundra auf ihrem Zweitwerk sehr gut gemachte, moderne Rockmusik ab, deren große Stärke die perfekte Integration unterschiedlicher Folkloreelemente ist. Stellenweise gelingt den Spaniern dadurch das Erschaffen sehr beeindruckender Musiklandschaften und die entsprechende emotionale Reaktion darauf. Leider verlieren sie sich manchmal – besonders im mittleren Abschnitt von „II“ – in mehr oder weniger nichts sagendem Gedudel und können dieses Niveau somit nicht über das gesamte Album oben halten. (cj)




