Despise You / Agoraphobic Nosebleed - And On And On...
Schön zu sehen – und viel mehr noch zu hören, dass Relapse wieder einmal etwas in den musikalischen Untergrund investiert. Agoraphobic Nosebleed um Mastermind Scott Hull haben sich mit den Grindveteranen von Despise You zusammengerauft, um mit „And On And On…“ eine Brücke von der Ost- zur Westküste der Vereinigten Staaten zu schlagen, genauer gesagt von Springfield, Massachussets nach Inglewood, Kalifornien. Die West Coast wird hierbei von Despise You repräsentiert, die mit ihrem Beitrag den ersten Teil des Silberlings belegen und damit seit fast zehn Jahren das erste neue Material unter die Leute bringen. Das Mädel und die drei Jungs sind nicht ausgezogen, um Gefangene zu machen, soviel steht schon nach den ersten Akkorden fest. Das ist reinrassiger Grindcore alter Schule: 17 Minuten, 18 Songs. Kaputter Krachsound nahe an einer Proberaumaufnahme, dafür aber umso mitreisender und so authentisch wie es überhaupt nur geht. Wilde Raserei wechselt mit Groove-Einschüben im Stop’n’Go-Stil; ein bisschen Power Violence hier, ein wenig Crust dort und fertig ist die Arschtreterei! Dass es aber auch etwas eingängiger geht, beweisen Stücke wie „Painted Gray“ oder „Fear’s Song“, wobei gerade das Letztgenannte eine echte Hymne darstellt, die einfach mitgesungen werden muss. Bei einer solchen Vorlage schreibt sich das Fazit von selbst: Gut, dass diese Band wieder existiert. Diese Mucke macht einfach Laune! Punkt. Wer jetzt erwartet von Agoraphobic Nosebleed mit ähnlichem Tempo über den Haufen gefahren zu werden, muss sich zunächst auf eine saftige Überraschung gefasst machen: Mr. Hull und seine Kollegen fahren mit ihrem Nasenblutzug nämlich auf der Sludge-Schiene! Die acht Waggons, äh… Songs sind, im Durchschnitt gesehen, definitiv das Langsamste, was diese Band jemals veröffentlicht hat. Auf einem recht dick produzierten Soundgerüst aufbauend, werden von den Herren beim rein instrumentalen Opener „Cedar Ave.“ und dem folgenden „Half Dead“ Slow-Motion-Keule und Doom-Axt geschwungen, und zwar so überzeugend, als hätten sie noch nie etwas anderes gemacht. So zum Beispiel ist das letzte Riff des zweiten Songs eine wahre Offenbarung, und könnte ebenso gut auf einer Neurosis-Platte zu finden sein. Jetzt ist aber Schluss mit lustig, denn mit „As Bad As It Is…“ ist eine echte Grind-Dampframme am Start, die das verwirrend doomige Bild wieder zurechtrückt. Auch die drei kurzen Wirbelstürme im Anschluss klingen zu hundert Prozent so, wie man es von ANB erwarten würde, ohne allerdings wirkliche Akzente setzen zu können. Erst das Gitarrensolo gegen Ende von „Possession“ ist wieder wirklich hörenswert. Mit dem abschließenden „Burlap Sack“ wildert man erneut in Sludge-Gefilden und heimst dabei die volle Punktzahl ein. Wow, was für ein Song! Ein angemessenes Finale für eine klasse Platte. Auch wenn der ANB-Beitrag zur Mitte hin etwas schwächelt, können die Jungs durch ihre neu entdeckte Liebe zum langsamen Tempo einen so gelungenen Überraschungsmoment platzieren, dass das kaum ins Gewicht fällt. „And On And On…“ ist eine der besten Split-Scheiben der letzten Monate. Wer auf Grindcore steht, braucht das Teil. (cj)




