Blindead - Affliction XXIX II MXMVI
Die vorliegende Platte mit dem ausgefallenen Titel „Affliction XXIX II MXMVIX“ ist die dritte Veröffentlichung der polnischen Band Blindead, deren treibende Kraft Ex-Behemoth-Gitarrist Mateusz ‚Havoc’ Smierzchalski ist. Bereits die erste Betrachtung des Artworks hatte mein Interesse geweckt, nicht nur weil es klasse gestaltet ist, sondern vor allem die perfekte grafische Umsetzung des Konzepts hinter „Affliction XXIX II MXMVIX“ verkörpert: Die Geschichte eines autistischen Mädchens, bzw. die Vertonung ihrer Empfindungen während der verschiedenen Phasen dieses Zustands. Die Stückliste beinhaltet sieben Songs, deren Titel, nacheinander gelesen, einen vollständigen Satz ergeben: „Self-conciousness is desire and / after 38 weeks / my new playground became / dark and gray / so it feels like misunderstanding when / all my hopes and dreams turn into / Affliction XXIX II MXMVIX.“ Die Begutachtung der Musik macht recht schnell deutlich, dass hier keine seichte Unterhaltung geboten wird, sondern eine komplexe Kombination aus Sludge, Ambient, Progressive und Post Metal. Auf eine sehr eigenwillige Art vermischen sich derb-metallische Wutausbrüche und träge Krachpassagen mit ruhigen, nachdenklichen Ausflügen in die unterschiedlichsten Klangfarben und Stimmungen. Die hierbei bevorzugt zum Einsatz kommenden Stilmittel sind ausgedehnte Übergänge und Bridges (wenn man das denn so nennen kann), die die einzelnen Abschnitte aneinanderkoppeln, wobei Songs wie „Dark and Grey“ oder „All My Hopes…“ mehr oder weniger ausschließlich aus Übergängen bestehen. Der Hörer wird nur vereinzelt vor abrupte Wechsel gestellt, meist wird er vom einen zum nächsten Part ‚getragen’. Nicht zuletzt deshalb nimmt man die Stücke als solche auch nicht wirklich wahr, sondern findet sich vielmehr in einer Endlosschleife wieder. Die extravagante Wahl der Songtitel ist deshalb sicherlich kein Zufall, wie überhaupt alles an dieser Platte bis ins kleinste Detail durchdacht scheint und dazu noch stimmig ist. Ein weiteres Beispiel hierfür ist die zielsichere Einarbeitung etlicher elektronischer Beigaben und Samples, wie Babygeschrei oder die Geräusche spielender Kinder. Gleiches gilt auch für die Umsetzung der äußerst lesenwerten Texte. Frontmann Patryk Zwolinski singt, flüstert, schreit und brüllt sich wahrlich die Seele aus dem Leib, sodass die Verzweiflung und Wut eines jungen Menschen, der psychisch leidet und dem Wahnsinn nahe ist, fast greifbar wird. Das ist durchaus beeindruckend und für mich persönlich beinahe schon genial, wobei jedoch die gutural gesungenen Parts definitiv Geschmackssache sind. Ich kann mir überhaupt gut vorstellen, dass „Affliction XXIX II MXMVIX“ die Meinungen spalten wird. Man muss sich durchaus die nötige Zeit nehmen, um in dieses Kopfkino einzusteigen und die Tiefen (musikalisch und lyrisch) auskosten zu können. Wer dies nicht tut, wird durch den seltsamen Stilmix und die Langatmigkeit, gerade gegen Ende hin, sicherlich abgeschreckt werden. Wer hingegen die Intensität und Vielschichtigkeit der Musik bewusst in sich aufsaugt, und sich dazu noch das 40-seitige (!!!) Booklet zu Gemüte führt, wird mit diesem Album definitiv eine Weile beschäftigt sein. Für mich ganz große Kunst. (cj)




