Sodom - In War And Pieces
Nach vierjähriger Studioabstinenz schicken sich Sodom an, ihr mittlerweile dreizehntes Album unters Volk zu bringen - aber was noch wichtiger ist, das Fünfte mit derselben Besetzung. Und um es gleich vorab zu sagen: „In War And Pieces“ ist eine echte Überraschung – und zwar in vielerlei Hinsicht. Noch nie klangen die deutschen Thrash-Giganten so gut – und vor allem so modern! Mächtige, sägende Gitarren fräsen sich gleich beim eröffnenden Titelsong in die Hörmuschel und werden von schön rauen, druckvollen Drums noch tiefer ins Gehirn geprügelt. Hier ist gewaltiges Ohrwurmpotential vorhanden. Außerdem bleibt mir fast der Mund offen stehen, als Tom Angelrippers Stimme zu vernehmen ist. Der ‚Godfather of German Thrash’ überzeugt wie noch auf keiner Veröffentlichung zuvor. Wahrscheinlich hätten ihm nur die wenigsten diese Variabilität und Dynamik zugetraut. Denn er kläfft, schreit und grunzt sogar, dass es einem richtig warm ums Herz wird. Darüber hinaus baut er immer wieder melodische Momente in seinen Gesang mit ein, wodurch er dem (im Vergleich zu früher) wesentlich abwechslungsreicheren Songwriting gerecht wird. Die Verpflichtung von Waldemar Sorychta als Produzent scheint also ein wahrer Geniestreich gewesen zu sein. Ich kann mir zwar jetzt schon das Gemecker der Old School-Puristen vorstellen, die Scheibe würde nicht mehr nach Sodom klingen und dergleichen, aber mal im Ernst: Weiterentwicklung hat noch niemandem geschadet. Den Beleg dafür liefern Sodom gleich mit, denn auch in kompositorischer Hinsicht hat sich hier einiges getan. „Through Toxic Waste“, „God Bless You“ oder auch „Styptic Parasite“ warten mit einer Melodiekante auf, die ebenso überraschend wie überzeugend ist. Mal melancholisch schleppend, mal düster treibend lässt man die Saiten schwingen und trifft ausnahmslos in Schwarze. Auch „Nothing Counts More Than Blood“ hält einige clevere Akkordfolgen und ein cooles Solo parat, wodurch es nach mehreren Durchläufen zur echten Hymne mutiert. Auch wenn große Teile der Platte in mittleren Tempobereichen wildern, lassen es die Ruhrpott-Thrasher gelegentlich ganz gewaltig krachen. „Knarrenheinz“ – die Verbeugung vorm bandeigenen Maskottchen – geht so was von in die Fresse, dass einem richtig schwindlig wird. Aber auch „Hellfire“ und „Soul Contraband“ dürften für die eine oder andere Nackenwirbelfraktur sorgen. Ebenfalls über alle Zweifel erhaben ist das spielerische Niveau auf „In War And Pieces“. Bernemanns Gitarrenarbeit ist exzellent, und Bobby Schottkowski trommelt als wäre es das letzte Mal. Trotz aller aufgezählter Stärken begeistert mich ‚Die Neue Sodom’ am meisten aufgrund des gelungenen Brückenschlags zwischen Alter Schule und modernen – oder zumindest banduntypischen Elementen, denn es gelingt dem Trio tatsächlich nach vorne zu schauen, ohne dabei seine Wurzeln zu verleugnen. Somit stellt diese Platte die letzten Veröffentlichungen locker in den Schatten, und wenn man die verklärende Legendenbildung der letzten zwanzig Jahre einmal außen vor lässt, befindet sie sich wahrscheinlich sogar auf Augenhöhe mit „Agent Orange“ (uhh… dünnes Eis). „In War And Pieces“ ist meiner bescheidenen Meinung nach das beste Album, das die Metal-Dinosaurier zu diesem Zeitpunkt hätten machen können. Da bleibt mir nichts anderes übrig, als die Höchstwertung zu zücken. (cj)




