Evan Freyer - Anker
Da ist er wieder, Patrik Nordsiek aus Velbert mit seinem Projekt Evan Freyer. Vor ziemlich genau zwei Jahren hat er sich hier für seine Debüt-EP „Mistakes Included“ (nomen est omen!) eine recht deutliche Zwei-Punkte-Klatsche abgeholt, was ihn aber nicht davon abgehalten hat, auch sein Debüt-Album „Anker“ einzusenden. Respekt, sportlich der Mann! Die EP krankte hauptsächlich am schrägen Gesang Nordsieks und da hat sich zumindest etwas getan, gar so schlimm ist's also nimmer mit den schiefen Tönen, schmerzhaft aber trotzdem noch hier und da. Das mit dem Kopfstimmen-Rat im letzten Review war ja durchaus ernst gemeint, den Sänger hat's aber nicht gekümmert – siehe Titelsong. Über ein Jahr hat er an „Anker“ gearbeitet und auch wieder bis auf das Schlagzeug alles selbst eingespielt. Der namensgebende Anker zieht sich (Konzeptalbum?) mal ziemlich deutlich, mal eher versteckt durch alle zehn, bzw. elf Songs und fungiert so als roter Faden, als Klammer, die das Material zusammenhalten soll. Aus den meisten Tracks spricht eine große Verehrung für Farin Urlaub bzw. dessen Medizinervereinigung. Songs wie „Hartmut“, „Traurige Lieder“, „18==100“ und „Der Hund“ sind da nur die offensichtlichsten Kandidaten; in „Hartmut“ übernimmt er gar eine fast komplett unveränderte „Sumisu“-Zeile für den Refrain. Er versucht da eine ähnliche Gratwanderung zwischen Humor und Tiefsinnigkeit bzw. Gesellschaftskritik, doch wo Farin Urlaub & Co. das seit Jahren schlafwandlerisch perfektioniert haben, stürzt Nordsiek doch deutlich ab, gerade die Guido Westerwelle/FDP/Politik-Nummer „18==100“ ist eher platt als smart und gegen Ende klatscht das Mastermind hier doch tatsächlich noch 'nen Ska-Part rein – wie das sein Held Jan Vetter ja auch sehr gerne macht. Als gelungenes textliches Beispiel sei hier mal „Server-Restart“ genannt, das kommt auch musikalisch anders daher und erinnert in seiner dunklen Art eher an alte The Cure. Den Wechsel weg von deutschen und hin zu englischen Texten bei Song Nummer sechs, neun und zehn finde ich ungeschickt; das trägt nur weiter zum zerrissenen Eindruck bei. Was der „versteckte“ elfte Song soll, weiß wohl nur der Künstler selbst; denn hier regiert der Computer, komplett durchprogrammiert und mit verzerrten Effekt-Vocals hat der Song gar nichts mit den anderen Stücken auf „Anker“ zu tun und man fragt sich konsterniert, was uns der Künstler damit wohl sagen wollte?! In Sachen Produktion gibt’s auch noch Verbesserungspotential, oft klingt das sehr pappig und wenig kompakt. Aber die Gestaltung ist echt gelungen! Wenn das mit Evan Freyer also so weitergeht, dann haben wir ca. 2015 eine Veröffentlichung, die die Höchstpunktzahl verdient – ich bin gespannt! (tj)




